26th Dez2015

Richtig Weihnachten – die kleine rührende Weihnachtsgeschichte

by Patric Kuhn

Hallo ihr Lieben,

zum Abschluss des Festes möchte ich Euch heute noch eine kleine Weihnachtsgeschichte präsentieren. Die Geschichte stammt aus der Feder von Stephan Weiler, einem Facebook-Freund von mir, den ich vor einigen Jahren auch mal  privat bei mir zu Hause kennenlernen durfte. Vielen Dank an Stephan für die Erlaubnis, die Geschichte hier veröffentlichen zu dürfen.

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Richtig Weihnachten

“Höchstens eine Stunde, dann ist die Andacht vorbei,” geht es Küster Michael Bollbach durch den Kopf, während er in der Sakristei mit einem Ohr Pfarrer Dierich’s Predigt zuhört. “Schnell noch die paar Sachen wegräumen und die Kirchentüren abschließen, dann habe ich früh Feierabend! Wenn ich da an den normalen Heiligabend denke: Schon Tage vorher ist die große Hektik angesagt. Frischer Blumenschmuck muß her, mit den Männern vom Kirchenchor muß der 6 Meter hohe Tannenbaum reingeschleppt, aufgestellt und geschmückt werden und die Schlepperei der mannshohen Krippenfiguren; auch kein Zuckerschlecken. Am schlimmsten ist aber Heiligabend. Um Fünf ist die Kindermette. Danach schnell notdürftig aufräumen, alles wieder abschließen und im Sauseschritt nach Hause. Umziehen. Mit Ingeborg den Gabentisch für die Kinder im Wohzimmer decken. Weihnachtslieder singen. Weihnachtsgeschichte lesen. Nochmal singen. Bescherung. Zum Geschenke ausprobieren bleibt kaum Zeit, schließlich wartet die Gans im Ofen. Nach dem Essen muß ich auch schon wieder in die Kirche. Die ersten Besucher für die Christmette trudeln ja schon so um halbzehn ein. Und dann der viele Trubel; Herr Bollbach hier, Herr Bollbach da! Und wenn ich dann nachhause komme, ist der Abend gelaufen. Mir tun die Füße weh und ich will einfach nur noch in Ruhe ein paar Bierchen trinken!”

Weihnachten feiern fällt Isolde Löbenstein, Ehemann Karl-Peter und Tochter Franziska heute schwer. Alles ist ganz anders. Simon fehlt. “Der kleine Fratz war aber auch immer ganz verrückt nach Weihnachten”, erinnert sich Isolde, “schon Wochen vorher machte er große Augen. An den Schaufenstern der Spielwarengeschäfte drückte er sich fast die Stupsnase platt. Und wenn ich zuhause Plätzchen gebacken habe, dann konnte ihn selbst sein bester Freund nicht vor die Tür locken. Bis zu den Ellenbogen matschte unser Zwergnase dann im Teig rum und wehe, ich wollte auch nur ein einziges Plätzchen selber ausstechen, schon rollten fast Kullertränchen. Am meisten freute sich Simon aber stets auf die Kindermette. Beim Krippenspiel des Kindergartens litt er mit dem armen Christkind, das – wie er es nannte – in einem sauhundekalten Kuhstall geboren wurde. Er verfluchte den hart gesottenen Gastwirt, der Joseph und Maria einfach abblitzen ließ, war fasziniert von den strahlend weißen Engeln und fand es einfach ziemlich klasse, daß die Hirten den Engeln glaubten. Den Glauben rechnete er den Hirten wirklich hoch an, wo die doch eigentlich hätten meinen müssen, daß Spock und Konsorten von der Enterprise her gebeamt seien! Aber jetzt war Simon nicht mehr da. Nie mehr würde er Weihnachten erleben!” Isolde wischt sich ihre Tränen aus dem Gesicht und versucht sich auf die Predigt zu konzentrieren.

“Man muss die Feste eben feiern wie sie fallen,” beginnt Helmut Dierich seine Predigt in der schmucklosen Kirche. “Für gewöhnlich feiern wir an Heiligabend das Hochfest der Geburt unseres Herrn. Weihnachten ist damit ein ganz besonderer Freudentag im Kirchenjahr und im Bewusstsein vieler Menschen ist es das Fest der Liebe. Für gewöhnlich ist das ja auch in unserer Kirchengemeinde so. Nicht so in diesem Jahr. Wir haben keinen Christbaum aufgestellt, die Krippe ist gut verpackt im Pfarrhaus untergebracht und anstatt eine festliche Christmette zu feiern, haben wir uns zu einer schlichten Andacht versammelt. Man muss die Feste eben feiern wie sie fallen.
Heute vor einem Monat haben wir Weihnachten gefeiert. So wie heute war die Kirche gut besucht. Wie in jedem Jahr hat der Kindergarten sein Krippenspiel aufgeführt, der Christbaum stand vorn hinter dem Altar und unsere Krippe stand sinnbildlich für die Geschehnisse vor 2000 Jahren in Betlehem. Und obwohl alles wie immer war, war es doch ein ganz besonderes Fest für uns alle.

Geschenk aus Kinderhänden

Geschenk aus Kinderhänden

Ich fühlte mich beim Einzug mit den Messdienern niedergeschlagen. Meine wirkliche Freude über unseren ganz besonderen Festtag wurde überschattet von dem Wissen, daß dieses vorgezogene Weihnachtsfest für den kleinen Simon das letzte sein würde, das er erleben dürfte. Die Ärzte hatten wochenlang um sein Überleben gekämpft. Es war vergebens und Anfang November stand fest, daß Simon den Kampf gegen seine schwere Krankheit noch vor Jahresfrist verlieren würde. ‘Vermutlich’, so sagten die Ärzte den Eltern, ‘wird Ihr Sohn Weihnachten schon nicht mehr erleben!’ Deshalb hatten wir in Absprache mit Ehepaar Löbenstein, dem Pfarrgemeinderat und unserem Generalvikariat beschlossen, Weihnachten um einen Monat vorzuziehen. Wir wussten einfach, daß wir mit dieser gemeinsamen Feier Simon ein letztes großes Geschenk machen konnten. Alle Beteiligten waren Feuer und Flamme für diese Idee und bemühten sich um eine besonders schöne Gottesdienstgestaltung und die Kirche wurde wirklich voll wie nie zuvor. Aber nun ging ich in die Kirche und wusste, daß hier im Mittelgang Simon in seinem Krankenbett liegen würde. Allerlei Geräte und Schläuche, das kannte ich schon von den vielen Besuchen im Krankenhaus und beim ihm daheim, würden ihn versorgen und ich hatte mich darauf eingestellt, wieder in das kleine, ausgemergelte und bleiche Kindergesicht zu schauen. Am schlimmsten war für mich jedoch, daß Simon mich wieder fragend anschauen würde, so, als ob er ganz auf meine Hilfe vertraute. Aber meine Grenzen waren doch eng und meine Hilfslosigkeit groß.

Es kam anders. Als ich Simon sah, konnte ich in seinem Gesicht nur Glück und Zufriedenheit ausmachen. Mir war, als wäre dieser kleine Junge nur fasziniert von dem Geschehen um ihn herum und das ließ ihn offenbar die Schmerzen vergessen. Dieser kurze Augenblick, in dem ich an ihm vorbei zum Altar ging, hat mein Leben verändert. Mit seinem Lächeln hat Simon mir ungeheuer viel Mut gemacht. Sein kindlicher Glaube hat mir den wirklichen Wert des Lebens nahe gebracht und mir gezeigt, daß all unser Glück in Gottes Hand liegt.
Nur sechs Tage nach diesem Weihnachtsfest, am 30. November ist Simon gestorben. Zusammen mit seiner Familie durfte ich seine Hand halten. Wir durften miterleben, wie glücklich ein Menschenkind von uns gehen kann.”
Klaus-Peter Löbenstein’s innere Anspannung und seine äußere Haltung weichen hemmungslosen Tränen. “Warum durfte Simon erst im Augenblick des Todes wieder glücklich sein? Er hatte sein schweres Los nicht verdient. Die endlosen Schmerzen und die anstrengenden Chemotherapien, nein, das hatte er nicht verdient. Er sollte doch groß, stark und erfolgreich werden!”

“Man muß die Feste eben feiern, wie sie fallen”, fährt Pfarrer Dierich fort, “Ich glaube, Simon hat uns allen ein ganz neues Fest geschenkt. Ich weiß auch, daß viele von Ihnen wirklich an diesem Abend, auch im Kreis ihrer Familien, Weihnachten gefeiert haben. Und wenn es auch unsere Absicht gewesen ist, Simon eine letzte Freude zu bereiten, so glaube ich doch, daß eigentlich er es war, der uns das Geschenk unseres Lebens gemacht hat: das Geschenk größten Glückes und tiefster Zufriedenheit!”

“Ich möchte etwas sagen!” Küster Michael Bollbach steht plötzlich in der weit geöffneten Sakristeitür. “Ich bin es nicht gewohnt, in der Kirche vor so vielen Menschen zu sprechen. Ich kann das auch nicht. Aber es muss raus: Danke für das erste richtige Weihnachten in meinem Leben!”

(c) Stephan Weiler, Kassel 1996

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Ich wünsche Euch, dass Ihr alle frohe Weihnachten hattet.

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LG
Patric

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